Für uns Priester ist der «Tag der deutschen Einheit» einer der wenigen Feiertage, die nicht auch noch mit eigenen Gottesdiensten und kirchlichen Feierlichkeiten verbunden sind. Eine gute Gelegenheit, sich ein wenig zurückzulehnen.

Und eine Gelegenheit, an dieser Stelle über das Verhältnis von Kirche, Glaube und Politik nachzudenken. Jetzt, wo die Bundestagswahl hinter uns liegt, kann ich das hoffentlich tun, ohne in den Verdacht zu geraten, politischen Einfluss auf die Wahl zu nehmen oder Parteipolitik zu betreiben.

Wobei ich mich schon frage, ob das nicht gerade auch die Aufgabe des Glaubens sein sollte: Politischen Einfluss auszuüben? Immerhin ist jeder Christ dazu aufgerufen, nach Kräften und Möglichkeiten an der Gestaltung der Welt und der Gesellschaft mitzuwirken. Jeder Getaufte ist – so heißt es in der Tauffeier – zum Priester, König und Prophet gesalbt und somit in einen Dienst genommen worden. So wie es ein «Allgemeines Priestertum» gibt (jeder soll heilen, versöhnen und Gott repräsentieren), gibt es auch ein «Allgemeines Prophetentum» (jeder soll mahnen, Hoffnung wecken und Gott verkünden) und eben auch ein «Allgemeines Königtum»: Jeder soll gestalten, ordnen und Gottes Plan für diese Welt realisieren. Dabei sollte ich zwar zuerst mich selbst ändern und ausrichten – aber das Christentum hat sich nie mit einer reinen Innerlichkeit zufrieden gegeben. Nein, wir sollen diese Welt verändern! Politik ist also kein Gegensatz zum Glauben, sondern (unter anderem) dessen Verwirklichung.

Wir Priester sind dazu beauftragt, mit Rat, Sakrament und Verkündigung den Getauften zur Seite zu stehen. Wir können (und sollen) nicht selbst Politiker werden. Aber wir versehen den Dienst der Einheit und Versöhnung an den Christen, die sich in unserem Land um die innere Einheit und Versöhnung aller Mitglieder unserer Gesellschaft bemühen, damit Deutschland fähig wird zum Dienst an der Einheit und Versöhnung der ganzen Welt.

So gesehen ist der Tag der deutschen Einheit (oder eine Bundestagswahl) keine Zeit der Zurückhaltung, sondern der erhöhten Aufmerksamkeit und Aktivität. Auch für uns Priester.

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