Wir sind es nicht mehr gewohnt – das Nichts-Tun. Und noch mehr: Es erscheint uns schon fast als Sünde, als Verschwendung von Lebenszeit.
Einem Politiker „Nichtstun“ vorzuwerfen, heißt ihn mit seinem Versagen zu konfrontieren. Nichtstun angesichts von Not, Elend, Ungerechtigkeit und Leid in der Welt sollte uns ein schlechtes Gewissen machen. Und wer kein schlechtes Gewissen hat, dem ist wohl nicht zu trauen. Sagt man.

Als Kind habe ich im Fernsehen eine faszinierende Bildergeschichte gesehen, die mir über Jahre nicht aus dem Kopf ging: Da liegt einer jahrelang auf dem heimischen Ofen – und tut nichts. Er isst (ausschließlich Sonnenblumenkerne, davon hat er einen ganzen Sack, dort auf dem Kamin) und wächst und reift. Nach drei Jahren erst macht er sich auf, gewinnt die Liebe einer Prinzessin und wird König in einem fernen Reich. Dass diese Geschichte von Otfried Preußler stammt und „Die Abenteuer des starken Wanja“ heißt, habe ich erst Jahre später erfahren.

Die Geschichte hat mich zu einem gelassenerem Menschen gemacht. Ich bin mit der Zeit geduldiger geworden (auch, wenn es mir immer noch schwer fällt, Geduld aufzubringen). Ich weiß, dass Menschen Zeit brauchen.
Zeit, in der scheinbar nichts passiert. In der Zeit des scheinbaren Nichtstun reifen Einsichten, Entschlüsse, Haltungen – auch Entschuldigungen, Verhaltensänderungen, der Wille zu einem neuen Anfang.
„Im Winter wächst das Brot“ (eigentlich ein Buchtitel von Ida Friederike Görres, aber das Buch habe ich nie gelesen) umschreibt sehr schön, dass wir in dieser Hinsicht nicht dem Anschein trauen sollen.

Aber, noch viel wichtiger in diesen Tagen: Selbst, wenn wir zur Untätigkeit gezwungen sind (der Winter, das schlechte Wetter, der Lockdown, das Kontaktverbot…), ist die Zeit des Nichtstun (und des
Nichts-tun-können) nicht automatisch eine verlorene Zeit. Und sei es nur, dass in uns die Sehnsucht wächst, einander wieder in den Armen liegen zu können, nach draußen zu gehen, die Sonne zu genießen, aktiv zu werden. Was wir jetzt (vielleicht gezwungenermaßen) an Untätigkeit aushalten, gibt unserem zukünftigen Tun mehr Gewicht, eine größere Bedeutung und tiefere Freude.

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