Eine Vaterunser-Katechese

Ein Gebet ist eine geistliche Begegnung mit Gott, den Heiligen oder unseren Verstorbenen. Zum geistlichem Erleben und zur Erbauung lässt sich dazu unendlich viel schreiben – und so gibt es auch eine unüberschaubare Literatur zum Gebet. Auch zum «Gebet des Herrn», dem Vaterunser.
Gerade weil dieses Gebet aber 2000 Jahre alt ist und selbst in der Übersetzung eine alte Sprache verwendet, bedarf es zur geistlichen Erschließung auch ein Hilfe zum Verstehen der Vater-unser-Bitten. Da zunehmend der Hintergrund eines jeden Gebetes – das Glaubenswissen – verdunstet, das Gebet aber immer in den Rahmen des Glaubens eingebettet ist, begreifen wir manchmal auch dann die Bedeutung der Gebetsbitten nur schwer, wenn wir die Worte verstehen. Es lohnt sich also, eine eigene Katechese zum Vaterunser zu schreiben.

Die letzte Bitte im Vaterunser lautet: …sondern erlöse uns von dem Bösen.

In der letzten Bitte geht es wiederum nicht darum, Gott aufzufordern, dem Bösen in der Welt nun endlich ein Ende zu bereiten. Vor allem nicht deshalb, weil wir der nicht endenden Versuchungen müde sind. Und auch nicht mit dem Verweis auf das Leid, das viele Menschen zu Unrecht trifft und das Gute in der Welt immer wieder niederringt.

Auch in dieser Bitte geht es um uns – um unsere innere Neuausrichtung. Herr, erlöse uns von dem Bösen in uns – damit wir in der Versuchung standhaft bleiben. Herr, verwandle mich mit Deiner Gnade, damit ich dem Bösen nicht nachgebe und den Leidenden helfe, Ungerechtigkeit entgegentrete und das Übel beim Namen nenne. Und selbst diese Bitte um das Handeln setzt voraus, dass ich mit Gottes Wirken in mir mitwirke. Gott wird mich weder mit einem Fingerschnippen in einen Heiligen verwandeln – ohne mein Zutun. Noch wird er Unrecht verhindern, während ich mir nicht die Hände schmutzig machen will. Es gibt ein Heilmittel gegen das Böse in der Welt: Das bin ich und mein freier Wille, Gutes zu tun.

Natürlich vollbringt Gott auch Wunder. Er fügt nicht nur Dinge, die Schlimmes verhindern, er setzt sich auch gelegentlich über die Kräfte der Natur hinweg. Aber immer nur mit dem einen Ziel: Das Böse in mir – zusammen mit meinem eigenen Mühen – niederzuringen, den Glauben zu stärken und die Liebe zu entzünden.

Um nichts anderes beten wir in jeder Bitte des Vaterunsers.

Die Doxologie

An die sieben Bitten des Vaterunsers schließt sich oft ein Lobpreis an («Doxologie» genannt), der nicht zum ursprünglichen, biblischen Text des Vaterunsers gehört: «Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.»

Dieser Zusatz stammt aus der Gottesdienstpraxis der frühen Christen. In manchen späteren Handschriften der Evangelien wurde dieser Zusatz nachträglich eingefügt. Dem Inhalt nach stammt dieser Lobpreis aus dem Alten Testament und ist einem Dankgebet des Königs David nachgebildet (1 Chr 29,11).

Die Doxologie wird oft auch außerhalb der Messfeier mitgebetet, entfällt jedoch im Stundengebet (in der Laudes und der Vesper) oder beim Rosenkranzgebet.

Der Embolismus

Zwischen dem Vaterunser und der Doxologie wird in den katholischen Messfeiern ein Gebet eingefügt (Embolismus heißt wörtlich das Dazwischen-Geworfene). Dort betet der Priester:

«Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.»

Der Embolismus wird nur in der Eucharistiefeier gebetet (und dort nur vom Priester).

Steht das Vaterunser in der Bibel?

Das Vaterunser heißt auch «das Gebet des Herrn», weil es direkt auf Jesus zurückgeführt werden kann. Zwei Evangelisten berichten uns von dem Gebet, das Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat: Matthäus (Kapitel 6) und Lukas (Kapitel 11). Allerdings unterscheiden sich diese beiden Versionen, da Lukas nur fünf Bitten nennt, während bei Matthäus noch zwei weitere hinzukommen («Dein Wille geschehe» und «erlöse uns von dem Bösen» findet sich nicht bei Lukas, ebensowenig die Ausgestaltung der Anrede Vater «unser, der du bist im Himmel»).

Bei Matthäus ist das Vaterunser Teil der Bergpredigt, während Lukas seine Version außerhalb der Feldrede oder anderer Parallelen zu Matthäus platziert. Vielmehr ist es nach Lukas ein Jünger, der bittet: «Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte!», worauf Jesus dann mit dem Vaterunser antwortet.

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