Maria, die Mutter Jesu, steht in einer seltsamen Spannung: Während sie in der Bibel nur eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint, steht sie in der Gunst der katholischen Kirche in hohem Ansehen (noch höhere Wertschätzung findet sie in den orthodoxen Kirchen). Nicht nur für viele Evangelische, sondern auch für Außenstehende oder Neu-Bekehrte ist diese Spannung einfach zu lösen: Sie reduzieren Maria in der Verehrung und Theologie auf die Größe eines normalen biblischen Menschen. Das heißt, Maria ist zwar eine vorbildhafte Person (wie zum Beispiel auch die Apostel oder Johannes der Täufer), aber ihre Rolle in der Heilsgeschichte ist mit ihrem Tod beendet.
Aber warum hält die katholische Kirche weiterhin an der überragenden Rolle von Maria fest? Hat die Kirche kein Interesse an der Ökumene? Oder ist die Kirche zu sehr auf ihre Dogmen fixiert?
Die Antwort ist überraschend und einfach: Wer Maria auf eine Funktion reduziert, verändert unser Gottesbild – dramatisch!

Maria in der Heiligen Schrift

Schauen wir also in die Bibel. Maria wird dort zwar nicht häufig erwähnt – aber es ist keineswegs so, dass Maria im Neuen Testament nur eine Randfigur ist. Die Bibel macht Aussagen von enormen Gewicht über Maria.
(In der Bibel wird übrigens Maria immer »Mariam« genannt – mit nur einer Ausnahme in Lk 2, 19.)

Die erste Erwähnung bei Paulus

Während sich Markus in seinem Evangelium nur auf die drei Jahre des öffentlichen Wirkens Jesu beschränkt (und deshalb Maria kaum erwähnt wird), weiten Lukas und Matthäus die Sicht auf Jesus aus und nehmen auch die Kindheit Jesu mit in den Blick – und damit Maria. Gleiches gilt für Paulus: Er erwähnt nur ein einziges Mal die Geburt Jesu (im Brief an die Galater, Kapitel 4, Vers 4); aber sofort nimmt Maria schon den Platz der »Gottesmutter« ein:

Gal 4, 4: Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.

Damit liefert Paulus die erste Erwähnung Mariens (um 57. n. Chr.). Zwar nennt er Maria nicht beim Namen, aber seine Aussage ist theologisch bedeutsam. Außerdem ist seine Formulierung formelhaft, was nahelegt, dass es sich bereits um einen »eingeprägten« Satz handelt – entweder um ein Verkündigungsschema oder eine Formel aus den Gottesdiensten.
Demnach wäre Maria bereits zu Lebzeiten zum festen Bestandteil des Gottesdienstes oder der Verkündigung geworden – und das schon innerhalb der ersten 15 Jahre nach Tod und Auferstehung Jesu.

Die Erwähnung bei Paulus ist theologisch deshalb bedeutsam, weil hier schon sehr früh zwei ganz wesentliche Aussagen über Jesus kombiniert werden: Paulus hält daran fest, dass Jesus bereits vor seiner Menschwerdung und Geburt existiert hat (»Präexistenz«) – und betont mit der Erwähnung der Geburt durch die Frau gleichzeitig seine wahre Menschlichkeit. »Frau« bzw. Maria steht hier, wie auch den frühchristlichen Mariendogmen, für die wahre Menschheit Jesu. (Bonaventura, ein Theologe aus dem Mittelalter, sagte dementsprechend: »Wenn Du die Mutter Gottes aus der Welt nimmst, nimmst Du auch das menschgewordene Wort weg«.)

Da an dieser Stelle nur die Mutter, aber nicht der Vater genannt wird, liegt sogar schon ein erster Hinweis auf die Jungfrauengeburt vor (denn gerade in der alten Vorstellung war die Rolle des Vaters bei der Zeugung viel wesentlicher als die der Mutter; wenn also der Vater nicht erwähnt wird, ist das für alle Hörer damals sehr ungewöhnlich gewesen – und muss einen guten Grund gehabt haben).

Es gibt immer wieder kritische Theologen, die behaupten, dass ursprünglich in der Bibel nur das öffentliche Wirken Jesu gestanden hätte – und die ganze Kindheit Jesu und damit auch die Rolle Mariens, wären nur hinzugefügt worden, um die naive Neugier des Volkes zu stillen (so, wie ja auch heute das Privatleben der Königsfamilien und Stars ganze Zeitschriften füllt – wenngleich auch nur wegen der großen Anzahl an bunten Fotos). Aber gerade diese frühe Paulusstelle im Galaterbrief (und eine andere im Brief an die Philipper (Phil 2, 6-11)) widerlegen das. Die Geburt des prä- existenten Christus von »der Frau« gehört in die ursprüngliche Verkündigung.

Maria in den Evangelien: Bei Markus

Greifen wir nun eine Stelle aus den drei Evangelien heraus, in der Maria in Verhältnis zu Jesus erwähnt wird:
Die Situation ist immer die gleiche: Jesus predigt in seiner Heimat Nazareth; die Bewohner seines Heimatdorfes sind stark beeindruckt – aber in das Staunen mischt sich auch Zweifel:

Markus 6,3
Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.

Matthäus 13,55-57
Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? Leben nicht alle seine Schwestern unter uns? Woher also hat er das alles? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.

Lukas 4,22
Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs?

Gerade, weil sich die Stellen so sehr ähneln, fallen die Unterschiede auf. Bei Markus ist Jesus selbst der Zimmermann (Markus erwähnt Josef kein einziges Mal in seinem ganzem Evangelium!), während Matthäus ihn als den Sohn des Zimmermanns und Lukas als den Sohn Josefs bezeichnet.
Gerade, weil Markus Josef niemals nennt, erstaunt die Erwähnung Mariens. Wie Matthäus und Lukas zeigen, ist es üblich, den Vater zu nennen. Gut – wenn Markus kein Interesse an den Eltern hat, mag er Josef weglassen. Aber dass er dann dennoch Maria erwähnt – das ist schon ein starkes Stück Theologie!

Markus hat tatsächlich ein theologisches Konzept: Die Gottessohnschaft Jesu wird in der ganzen Zeit des Wirkens Jesu von niemandem erkannt – erst nach seinem Tod ist der Hauptmann unter dem Kreuz der erste Mensch, der in Jesus den Sohn Gottes erkennt. Bis dahin wird Jesus nur von der Stimme aus dem Himmel (Mk 1,11; 9,7) und von den Dämonen aus der Tiefe als Sohn Gottes bezeichnet (Mk 3,11; 5,7).

Markus will aber deutlich machen, dass Jesus von Anfang der Sohn Gottes gewesen ist – aber eben unerkannt. Deshalb lässt er an dieser Stelle bewusst den Josef unerwähnt, aber bezeichnet Jesus ausdrücklich als Sohn der Maria. Im Zusammenhang ein eindeutiger Beleg für die Jungfrauengeburt Jesu und deren Sinn: Jungfrauengeburt und ewige Gottessohnschaft stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Schon bei Markus.

Also auch bei Markus steht Maria im Dienste der Christologie: Durch die Erwähnung Mariens betont er, dass Jesus der Sohn Gottes ist – von Anfang an.

Maria in den Evangelien: Wenn’s drauf ankommt …

Maria, so haben wir zu Beginn festgestellt, wird nicht häufig erwähnt – aber an entscheidenden Stellen.

So steht Maria am Anfang des Wirkens Jesu (bei der Hochzeit zu Kana – Joh 2, 1-12) und am Ende seines Wirkens unter dem Kreuz (Mt 27, 55f; Mk 15, 40; Joh 19, 25); Maria steht ebenfalls am Anfang des Wirkens des Heiligen Geistes (Lk 1, 35) und am Anfang der Kirche beim Pfingstereignis (Apg 1,14).

Natürlich können wir diese entscheidenden Bibelstellen einzeln durchgehen, aber das wollen wir den Fachtheologen überlassen. Für uns ist vor allem wichtig, aus der seltenen Erwähnung Mariens nicht den Schluss zu ziehen, dass man sie auch genauso gut streichen könnte … Maria ist nicht – wie heute auch viele Katholiken meinen – ein »Sahnehäubchen« auf den ansonsten vollständigen Glauben.

Maria hat ihre Aufgabe eben nicht mit der Geburt Jesu (und eventuell seiner Erziehung) erfüllt und tritt nun von der biblischen Bühne ab. Nein: Sie bleibt so unlösbar mit ihren Sohn verbunden, dass sie nicht nur bei allen Heils-entscheidenden Momenten im Leben Jesu zugegen ist – sondern zudem auch von den Evangelisten ein jedes mal erwähnt wird.
Die Evangelisten, die die Anwesenheit Mariens erwähnen, entdecken in dieser Frau ein göttliches Konzept: Maria ist die Frau des Bundes Gottes mit den Menschen.

Maria ist ein echter Typ,
keine Lebens-Abschnitts-Mutter

Maria ist also nicht nur ein Mensch mit einem zeitlichen Auftrag. Der Engel in Nazareth meinte also nicht: »Liebe Maria, sei so gut und empfange ein Kind, nenne es ‚Jesus‘ und erziehe es gut jüdisch. Den Rest macht er dann schon selbst …«

Maria ist nicht nur eine Funktionärin – sie ist die bleibende Antwort des Menschen. In Maria hat der neue Bund des Menschen begonnen – und da es sich um einen ewigen Bund handelt, ist sie es auch noch heute.
Die Christen haben sich mit ihrer Theologie gegen ein Gottesbild gewandt, das in vielen heidnischen Religionen vorherrschte: Gott ist nicht wirklich am Menschen interessiert, braucht aber hier und dort einen Menschen als Erfüllungsgehilfen. Ist die Mission erfüllt, hat der Mensch ausgedient – diesen heidnischen Göttern geht es nicht um Liebe.

Dagegen spricht die Bibel eine andere Sprache: Jesus Christus ist Mensch geworden – und auch Mensch geblieben, selbst im Tod und nach der Auferstehung.

Leider hat der Mensch immer wieder den Hang, andere Personen auf deren Funktion zu reduzieren (oder hat schon mal jemand die Kassiererin an der Kasse im ALDI mit Handschlag begrüßt und verabschiedet?). Damit das nicht mit Jesus Christus, mit Maria und dann letzten Endes mit allen Menschen geschieht, gibt es die Dogmen der Kirche – vor allem die frühchristlichen Dogmen – und natürlich die Dogmen über Maria.

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Schlagwörter: , Last modified: 19. Februar 2021