Keine Sorge – dieser Glaubenssatz gehört (noch?) nicht zu den definierten Dogmen. Dennoch gibt es nicht wenige Stimmen in der Kirche, die eine Definition der »Miterlöserschaft Mariens« verlangen. Wie sieht es damit aus?

Objektive und subjektive Erlösung

Zunächst ist festzustellen, dass Maria selbstverständlich an der Erlösung mitgewirkt hat. Die Menschwerdung Jesu ist ja nicht nur eine Voraussetzung für das Kreuzesopfer Jesu, sondern bereits der Beginn der Erlösung. Insofern kann einer Mitwirkung Mariens an der Erlösung (also einer Miterlösung durch Maria) gar nicht geleugnet werden.

Dabei ist eine Mitwirkung grundsätzlich eine Selbstverständlichkeit: Ein jeder Mensch wirkt an der Erlösung mit – zumindest an der Annahme der Erlösung durch die Menschen (also an der subjektiven Seite der Erlösung). Jeder Vater, jede Mutter – jeder Kirchenbesucher und Kirchenkritiker – jeder, der ein Kreuz trägt oder gegen Gott wettert: Alles das kann Menschen zum Glauben führen und zur Annahme der Erlösung; und von allen kann in einem weiteren Sinne als den Mitwirkenden an der Erlösungs(-annahme) gesprochen werden.

Von Maria muss natürlich diese Mitwirkung in einem ganz anderen Grade gesprochen werden – immerhin wirkt sie auf der Seite des Erlösers (der objektiven Seite der Erlösung), während wir nur auf der Seite der Erlösungs-Annahme wirken. So sagt selbst Paulus von sich: »Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt.« (Kol 1,24). Er wirkt also auch an der Erlösung mit – aber eben für den Leib – nicht am Haupt.

Das darf natürlich nicht so verstanden werden, wie einige Kritiker diesen Glauben überzeichnet darstellen: Dass jede Gnade, die von Jesus ausgeht, durch eine mütterliche, marianische Zensur muss – und umgekehrt, jede Bitte an Jesus zunächst an Maria adressiert werden sollte (»An: Jesu, Sohn Gottes, zu Händen Maria von Nazareth«). Maria ist auf keinen Fall eine Barriere zwischen Menschen und Christus – und sie ist auch nicht die einzige Brücke dorthin. Sie ist nicht die »einzige Mittlerin zum einzigen Mittler.« »Es gibt nur einen Mittler zwischen Gott und Menschen: Den Menschen Jesus Christus.« (1 Tim 2,5)

So haben einige Theologen zwischen dem Leib der Kirche (die erlösten Menschen) und dem Haupt (Jesus Christus) Maria als »Hals« einführen wollen. Das ist nicht statthaft – besser ist es, Maria als Herz des Leibes zu sehen, dass im Leib (!) für eine lebendige Verbindung (Kreislauf) mit dem Haupt steht. Aber auch dieses Bild ist mit Vorsicht zu gebrauchen – aber solange das Herz als dem Haupt untergeordnet gesehen wird, ist es wohl statthaft.

Zwei Extreme Positionen

Zwei Extreme sollten daher vermieden werden: Zum einen Maria mit Jesus gleichzustellen und die beiden sozusagen als Team zu verstehen. Maria ist und bleibt die Erlöste – und Jesus ist und bleibt der Erlöser.

In der Gnosis wird Jesus und Maria manchmal als Gegenpaar zu Adam und Eva gesehen. Während die einen im Paradies sündigten, stellen die beiden anderen das Paradies wieder her. Aber das ist nicht nur unkatholisch, sondern auch unchristlich: Es gibt kein Erlöserpaar!

Auf der anderen Seite sollte aber auch die Mitwirkung des Geschöpfes an der Erlösung nicht gänzlich ausgeschlossen werden. »Gott, der dich ohne deine Zustimmung erschaffen hat, will dich nicht erlösen ohne deine Zustimmung« (Augustinus). Immerhin führt eine absolute Ausschließung der Mitwirkung irgendeiner Geschöpflichkeit an der Erlösung zur Leugnung der Menschwerdung Jesu. Hat diese Welt keinen Anteil an der aktiven Erlösung, dann ist Jesus auch nicht wirklich Mensch geworden.

Eine Lösung …?

Wenn der Grundsatz gilt, dass jedes Mariendogma seine Berechtigung und seinen Sinn darin findet, die wahre Menschwerdung Jesu Christi und seine Erlösungstat zu bewahren und zu erleuchten, dann gehört auch eine wohlverstandene »Miterlöserschaft Mariens« dazu. Was aber heißt nun »wohlverstanden«?

Maria wirkt auf jeden Fall auf der subjektiven Seite der Erlösung mit – also auf der Annahme der Erlösung durch den Menschen. Um dies von der objektiven Seite zu unterscheiden, spricht man allerdings besser von der »Mitwirkung«.

Oder – ein noch sinnvollerer und für Katholiken alltäglicher Begriff ist: »Fürsprecherin«. Maria nimmt sich der Bitten der Menschen an und beteiligt sich an diesem Bitten (das hat Maria ja bereits zu Lebzeiten getan (Joh 2,3) – warum sollte sie damit aufhören?). Sie bleibt aber auf der Seite der Erlösten, auf der Seite der Kirche und der Menschen. Sie wird nicht zur Erlösungs-Co-Workerin.

Aber Maria hat auch einen Platz an der Seite des Erlösers – nicht nur bei der Menschwerdung, sondern auch unter dem Kreuz. Sei leidet mit – und, weil wir ein Leid an der Seite Jesu niemals für vergebliches Leid halten – erlöst sie auch mit. Gehört sie also doch auf die Seite des Erlösers (der objektiven Seite der Erlösung)?

Ja – aber wiederum nur in der Rolle der Erlösungsannahme: Maria steht unter dem Kreuz als Stellvertreterin und Mutter der Kirche. Darin hat sie sich aber zur Aufopferung ihres Sohnes und zum Mitleiden bewegen lassen – und hat so auch auf eine (auf jeden Fall aber untergeordnete) Weise Anteil an der objektiven Erlösung. Dabei wirkt Maria – so wie jede andere Person – an der Erlösung nur mit, weil sie durch die Gnade Gottes dazu befähigt wurde.

Die Kirche betrachtet diese Frage noch nicht als abschließend geklärt – bis dahin wird in allen offiziellen Texten der Titel »Miterlöserin« für Maria vermieden.

Kluge Kirche.

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Schlagwörter: , Last modified: 20. Februar 2021