Wir alle tun Dinge, die wir für selbstverständlich, gut und sinnvoll halten. Wenn wir aber danach gefragt werden, fällt es nicht immer leicht, genau in Worte zu fassen, warum wir so handeln. Es erscheint uns eher als lästig, nach unseren genauen Absichten gefragt zu werden – und doch ist es gut. Damit wir uns auch selbst vor Augen halten, warum und weshalb wir etwas für richtig halten.

Das kennen Eltern, die von ihren Kindern abgeklopft werden: «Warum tust Du das?» – «Warum soll ich das auch tun?» Ganz besonders drängend (und wichtig!) ist im Katholischen die Frage der Kinder: «Mama, warum muss ich denn zur Kirche?» – «Papa, kann ich denn nicht auch zuhause beten?»

Nachdem in den Anfangszeiten der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie die Gottesdienste nicht mehr öffentlich gefeiert wurden, gab es viele Angebote übers Internet, Gebetseinladungen (außerhalb der Gottesdienstzeiten) und Anregungen zu Hausandachten. Als dann die ersten Gottesdienste wieder möglich wurden, wurde die Frage nach der eigenen Gottesdienstmotivation ganz persönlich: Warum freue ich mich darauf, wieder zur Kirche gehen zu können?

Viele gut Gründe

Es gibt viele verschiedene Gründe, zur Kirche zu gehen; diese Gründe sind gut und richtig. Ich möchte betonen, dass es mir nicht darum geht, diese gegeneinander auszuspielen. Aber vielleicht ist es doch ganz gut, sich der Tragfähigkeit dieser Absichten einmal bewusst zu werden.

  • Einige betonten, dass sie sich freuen, wieder am Gottesdienst teilzunehmen, weil sie die Gemeinschaft der singenden und betenden Gemeinde vermissen. Ein guter Grund! Gerade bei Hochzeiten und noch mehr bei Beerdigungen ist es ein nicht zu unterschätzender Trost, sich in einer Gemeinschaft geborgen zu wissen. – Aber trägt das auch, wenn ich in halbleere Gottesdienste gehen? Und auch dann, wenn der Gesang eher mau ausfällt?
  • Andere meinen, sie gehen vor allem deshalb in die Gottesdienste, weil sie geistige Anregungen erhalten. Durch die Gebete, die Predigt, die Lesungen oder Lieder. Aber auch hier kann ich fragen, ob das nicht genauso gut (oder vielleicht sogar besser) bei Gottesdiensten übers Internet möglich ist?
  • Eine dritte, scheinbar naheliegende Begründung ist: Ich gehe zu den Gottesdiensten, weil ich dort zur Kommunion gehen kann, den Leib Christi empfange und so Kraft für meine Aufgaben empfange.

Gottesdienst und Kommunionempfang

Nun – nicht alles, was früher üblich war, ist deswegen schlecht; aber auch nicht alles, was wir heute so praktizieren, ist allein deshalb schon ein Fortschritt. So war es in früheren Jahrhunderten üblich, nur zur Kommunion zu gehen, wenn man vorher gebeichtet hat. Genauso wie heute wurde aber auch die Beichte damals vor allem unangenehm empfunden, weshalb man sich davor drückte – und konsequenterweise auch nicht mehr zur Kommunion ging. Sicherlich keine gute Entwicklung (weshalb die Kirche die zumindest einmalige jährliche Kommunion mit vorangegangener Beichte in die Kirchengebote aufnahm). Aber der seltene Kommunionempfang führt nicht zu einem geringerem Kirchenbesuch. Das ist interessant.

Dort sein, wo man hingehört

Offensichtlich ist auch unabhängig vom Kommunionempfang der Gottesdienstbesuch selbst ein Wert. Beim Herrn zu sein; seiner Einladung zu folgen; Seine Nähe zu suchen (weil er darum bittet) – alles das ist von mindestens ebenso großer Bedeutung wie geistliche Nahrung, Kommunionempfang und Gemeinschaft. Wie es schon im Evangelium vom guten Hirten heißt: «Die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen … und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.» (Joh 10, 3.4) Oder, wie ich in einem Gespräch über das ewige Gericht nach dem Tod kürzlich jemand zu erklären versuchte: Wir müssen nichts Bestimmtes vorweisen, wenn wir vor dem Herrn stehen, sondern nur die richtige Seite wählen. Beim Herrn zu sein, Seine Nähe zu suchen, sich auf Seine Seite zu stellen: Das reicht.

Deshalb ist der Gottesdienstbesuch an sich schon ein hoher Wert. Nicht erst durch meine Aufmerksamkeit, nicht durch das tolle Gemeinschaftsgefühl, nicht erst durch den Kommunionempfang, sondern weil ich mich zum Herrn hingezogen fühle. Ein Einüben in die himmlische Herrlichkeit.

Welche Rolle dabei unser Leib spielt

Stellen Sie sich vor, sie sind zu einer Hochzeit eingeladen und bekommen gleichzeitig für genau diesen Termin einen Urlaub in Thailand geschenkt. Jetzt müssen sie sich entscheiden. Sie haben einen Leib – und können deshalb nicht an zwei Orten gleichzeitig sind. Wenn Sie sich nun für die Hochzeit entscheiden und dort anwesend sind, wird diese Entscheidung nicht dadurch hinfällig, weil Sie in Gedanken die ganze Zeit in Thailand sind. Ihr Leib ist es aber nicht! Und das macht Ihre Entscheidung schon wertvoll!

Deshalb verstehe ich auch die Gemeinden (und sogar ganze Bistümer) nicht, die darauf verweisen, dass im Moment (in Zeiten der Corona-Epidemie) noch kein sicherer Kommunionempfang möglich sei – und deshalb auch die Eucharistiefeier keinen Sinn mache. Die Messfeier ist ein viel größeres Geschehen als nur eine Vorbereitung der Kommunionspendung! Eine seltsame Reduzierung.

Tappen wir nicht in die gleiche Falle. Selbstverständlich ist die Hochform der Eucharistie ein mitgefeierter Gottesdienst, mit viel Gesang, einer guten Predigt und einer andächtigen Gemeinde – und dem Empfang des Leibes Christi. Aber selbst wenn das alles nur eingeschränkt gegeben ist (und wie oft sind wir in der Messe mit dem Gedanken überall, nur nicht bei Gott): Gott ist da. Und wir in Seiner Nähe. Das soll uns genügen.

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