Der sündige Mensch vor dem liebenden Gott

Der Mensch, der in eine Liebesbeziehung mit Gott tritt, ist nicht nur passives Objekt der göttlichen Liebe, sondern auch selbst aktiv Liebender.
Während das auf den ersten Blick schön klingt, offenbart sich auf den zweiten Blick eine Schwierigkeit (die es übrigens auch in fast allen rein menschlichen Liebesbeziehungen gibt): Bin ich überhaupt in der Lage, zu lieben? Bin ich seiner Liebe würdig? Und: Ist das wirklich Liebe, was ich empfinde?

Zumindest wäre er das gern: Aktiv Liebender. Fast jeder Mensch (ob nun neubekehrt, ehemaliger Atheist oder traditioneller Kirchgänger) sieht sich selbst im Licht der göttlichen Liebe mit neuen Augen und erkennt neben seiner Würde auch seine Mängel, Schrullen und Unzulänglichkeiten.
Leider gilt das ohne Ausnahme für alle Menschen, so ist zumindest die Grundüberzeugung der jüdisch-christlichen Religion.

Wir sind nicht mehr so, wie Gott uns wollte

Kennst Du das auch? Du nimmst Dir vor, heute einmal überhaupt nichts Böses zu tun. Vielleicht, weil Sonntag ist, die Geliebte Geburtstag hat oder ein anderer besonderer Festtag ist. Vielleicht auch nur einfach so – damit heute ein schöner Tag wird.
Aber kaum hat der Tag richtig angefangen, da hat es schon wieder Streit gegeben. Keiner hat es eigentlich gewollt, und trotzdem ist es passiert.

Es ist ganz schön schwierig, gut zu sein. Und das ist eigentlich seltsam: Denn Gott hat uns doch so erschaffen, dass wir (und alle anderen Menschen) glücklich werden, wenn wir Gutes tun. Warum fällt es uns so schwer, das zu tun, was uns glücklich macht? Hat Gott einen Fehler gemacht, als er uns erschaffen hat?
Das wäre ja schon fast hinterhältig, wenn Gott uns erschafft mit einer Schwäche für das Böse, aber verlangt, dass wir gut sind. Und wenn Er außerdem noch dafür sorgt, dass wir nur glücklich werden, wenn wir Gutes tun, obwohl es uns so schwer fällt, stellt sich die Frage: Ist Gott ein Sadist?

Klar: Die Antwort muss „Nein“ lauten (denn wenn Gott ein Sadist wäre, bräuchten wir ja auch nicht gut zu sein.. die Frage hätte sich erledigt). Nein, daran liegt es nicht. Gott hat uns so erschaffen, dass wir Freude daran haben, gut zu sein und Gutes zu tun. Aber die Menschen sind nicht mehr so, wie Gott sie erschaffen hat. Wenn wir heute das tun, worauf wir gerade Lust haben, dann ist es oft nicht gut, was dabei herauskommt. Der Mensch ist nicht mehr so, wie Gott ihn gewollt hat.

Gott hilft uns, wieder beziehungsfähig zu werden

An dieser Stelle kommt nun der Begriff der „Erbsünde“ ins Spiel – und damit die Frage nach Adam, Eva, dem Apfel und der Schlange. Allerdings: Die Frage, wieviel davon historisch, biblisch oder mythologisch ist, will ich hier nicht beantworten.
Was aber der Geschichte vom Sündenfall zugrundeliegt, ist die klare theologische Erkenntnis, dass der Mensch eine inzwischen gestörte Beziehung zu Gott hat. Egal, was nun der eigentliche Auslöser für diese Störung war: Gott hat uns anders gewollt, aber wir haben diese unbeschwerte, ursprüngliche Beziehung zu IHM verloren.
Dass wir nicht mehr so sind, wie Gott den Menschen eigentlich gedacht hat; dass wir in unserer Beziehungsfähigkeit selbst gestört sind, findet Gott auch nicht gut. Deshalb hat er beschlossen, uns zu helfen.

„Religion“ und „Glaube“ bekommen also für uns Christen noch eine andere, ganz wesentliche Dimension: Religion ist nicht nur die Bewegung des Menschen auf Gott zu – sondern auch die Bewegung Gottes, um uns wieder beziehungsfähig zu machen.

Viele Evangelikale (Anhänger von Freikirchen) meinen, jede Religion sei nur die Bewegung des Menschen zu Gott; deshalb wäre das Christentum auch keine Religion, weil sich hier ja Gott zum Menschen herabbeugt.
Aber wir Katholiken sehen darin kein „Entweder – Oder“: Gott hilft uns, uns auf IHN zu zubewegen.

Gott möchte aber nicht nur die verlorengegangene Beziehung zwischen Ihm als liebendem Schöpfer und uns als geliebtem Geschöpf erneuern. Er will eine besondere Freundschaft mit uns schließen. Eine Freundschaft, die ein Ziel hat: Uns zu helfen, wieder „heil“ zu werden. Man kann auch sagen, dass Gott uns helfen will, „heilig“ zu werden.
Vielleicht denkst Du jetzt: „Ich will aber nicht heilig werden – so wie die Heiligen, die in den Kirchen als Figuren auf einem Sockel stehen. Ich will nicht perfekt sein – ich möchte Freude am Leben haben!“

Genau das will Gott auch. Aber Gott sieht keinen Unterschied zwischen „Freude und Spaß am Leben haben“ und „Gutes tun und heilig werden“.

Deshalb ist das erste und wichtigste an Gottes Freundschaft, dass er uns Freude schenkt. Freude am Leben, Freude am Guten – und Freude darüber, dass wir mit Gott wieder in einer Beziehung leben.
Aber diese Freude soll eben keine Schadenfreude sein; keine Freude an der Macht, über andere zu herrschen; keine Freude an der Gewalt, der Lüge, an der Sünde – und auch keine Freude daran, dass wir nicht erwischt worden sind, nachdem wir gesündigt haben…
Mit Gott lernen wir, die wahren Freuden zu finden. Gott will uns wieder die Lust am Guten zurückschenken.

Damit haben wir umschrieben, worin genau das Problem liegt, das mit dem Sündenfall in die Welt getreten ist: Wir haben das Gespür dafür verloren, wie wir glücklich werden können.
Die Sehnsucht nach Glück – ja, nach ewigem, unvergänglichem Glück – ist uns geblieben; aber wie wir dieses Glück finden, ist uns – ohne die Hilfe Gottes – rätselhaft geworden. Gelegentlich lösen einige Menschen Teile dieses Rätsels und erkennen schemenhaft den Weg zum Glück – und stoßen prompt auf die zweite Schwierigkeit: Es fällt ihnen unsagbar schwer, den Weg zum Glück auch wirklich zu gehen.

Das nennt der Theologe „Erbsünde“. Das Verständnis dieses Begriffs und die Einsicht in diesen menschlichen Zustand ist eine Grundvoraussetzung, um das Geschehen der Taufe zu begreifen. Also machen wir uns erst einmal an eine Begriffsklärung der Erbsünde.

Sünde

Wer sündigt (z.B. etwas stiehlt), der sieht sich mit mehrfachen Folgen konfrontiert: Zum einen zerstört er die vertrauensvolle Beziehung zu dem, dem er seinen Besitz wegnimmt. Zum anderen zerstört er das Gute in sich selbst – der Dieb traut sich selber nicht mehr wirklich Gutes zu; er schämt sich und lügt eventuell, um seine Tat zu verschleiern; er hat anstelle von Vertrauen zum Bestohlenen nun Angst vor Rache und Vergeltung: Und schließlich wird er sein Heil auch in Zukunft leichter im Diebstahl suchen („Es war ja ganz einfach!“).
Nicht zuletzt entsteht auch ein materieller Schaden, dem Bestohlenen fehlt nun etwas in seinem Besitz.

Das gilt auch für die „Ur-Sünde“ des ersten Menschen gegen Gott. Im Grunde spielt es keine große Rolle, worin diese Ursünde wirklich bestand; entscheidend ist, dass der Mensch sich aus der Vertrautheit mit Gott „herausgestohlen“ hat. Diese Beziehungsstörung zwischen Gott und Mensch nennen wir Erbsünde.

Die Ursünde (und das daraus resultierende Misstrauen Gott gegenüber) hat aber auch Folgen für den Sünder – nicht etwa, weil Gott ihn bestraft, sondern weil er zum Beispiel Gottes Strafe fürchtet (aber auch das fürchtet, was er geworden ist und wozu er vielleicht noch fähig ist) und sich entsprechend verhält.

Sehr schön beschreibt Jutta Richter in ihrem kleinen Büchlein „Der Anfang von Allem“ diese Veränderung. Und auch in der Bibel selbst wird deutlich: Nicht Gott zieht sich nach dem Sündenfall vom Menschen zurück, sondern Adam versteckt sich vor Gott. Er schämt sich und will am liebsten nicht mehr gesehen werden. Wie Jutta Richter es nennt: Das ist der Anfang von allem Leid.

Diese Folgen nennt der Theologe „concupiscentia“ (Konkupiszenz) – die Begierlichkeit des Menschen, Gott aus dem Weg zu gehen und sein Heil auf andere Weise zu suchen.

Die Erbsünde ist eine „Beziehungsstörung“

Ein Kleinkind kann nicht sündigen. Ich habe immer wieder Eltern in Taufgesprächen vor mir sitzen, die mir sofort widersprechen, wenn ich nur den Begriff «Erbsünde» in den Mund nehme. Sie weisen zurecht darauf hin, dass ein Kleinkind ohne sprachliches Selbstbewusstsein und ohne sittliche Entscheidungsfähigkeit (die Eltern drücken sich natürlich anders aus) doch noch nicht sündig sein könne. Und sie haben vollkommen recht: Wer Erbsünde selbst als eine Sünde, also als eine persönliche Schuld versteht, widerspricht der ausdrücklichen Lehre der Kirche.

Martin Luther z.B. ist auch aufgrund dieser Irrlehre verurteilt worden.

Nein: Erbsünde bedeutet lediglich, dass im Menschen Einiges in Unordnung geraten ist, allem voran die Beziehung zu Gott. Die Folgen dieser Störung (die „Begierlichkeit“) können wir ganz leicht selbst an uns überprüfen: Wenn wir eine ganz natürliche Neigung zum Guten hätten, dann brauchten wir uns nur gehenzulassen – und wir würden Heilige werden. Aber genau das ist nicht der Fall: Wir müssen uns immer wieder aufraffen zum Guten. Es kann zwar viel Freude und Glück bereiten, sich auf den Weg zur Heiligkeit zu machen, aber dazu ist es nötig, dass wir einen inneren Widerstand überwinden. Diesen Widerstand bekommen die Menschen – leider – in die Wiege gelegt; deshalb sprechen wir von «Erbsünde». Nicht, weil dieser Widerstand selbst Sünde wäre, sondern deshalb, weil diese Begierlichkeit uns nicht zum Guten, sondern zum Schlechten, zum Sündigen hinzieht.

Im Grunde ist der Begriff «Erbsünde» – zumindest im Deutschen – ungenau und missverständlich, weil er nicht deutlich genug macht, dass die erbsündliche Verfasstheit des Menschen nicht mit Sünde gleichgesetzt werden darf, sondern eine Neigung zur Sünde ist.

In diesem Sinne ist auch ein Kleinkind schon mit der Erbsünde behaftet: Wir Menschen sind alle nicht mehr restlos auf das Gute hin ausgerichtet, wir bedürfen der Erziehung und der Selbsterziehung zum Guten.

Die Begierlichkeit – Das Bild des Alkoholkranken

Der Mensch ist also mit der ganz natürlichen Neigung zum Guten geschaffen worden – aber er hat sie verloren. Wer einmal der Alkoholsucht verfallen ist, verliert die Kraft und die Einsicht in die Gefährlichkeit dessen, war er tut. Das Süchtigsein selbst ist noch keine sittlich schlechte Tat, aber sie verleitet dazu, sich zu betrinken. Und zwar mit einer so großen Anziehungskraft, dass ein akut Alkoholkranker dem nicht widerstehen kann.

Aber die akute Alkoholsucht ist heilbar – oft nur mit äußerer Hilfe. Es kann dem Kranken gelingen, «trocken» zu werden. Was aber bleibt, ist die «Begierlichkeit», die Gefahr, bei dem kleinsten Alkoholkonsum wieder rückfällig zu werden.

In diesem Zustand befindet sich die Menschheit. Wir sind alle Sünde-süchtig – wir haben in uns die Begierlichkeit, die uns immer wieder zum Schlechten hinzieht. Ohne Hilfe von außen – ohne Gottes Hilfe – sind wir nicht in der Lage, von unserer akuten Krankheit loszukommen. Ohne Gottes Gnade sind wir auch nicht in der Lage, auf Dauer „trocken“ zu bleiben.

Das ist der Kirche so wichtig, dass sie daraus ein Dogma formuliert hat, einen feststehenden Lehrsatz: „Der Mensch kann ohne die Gnade Gottes – z.B. ohne die Taufgnade – auf Dauer nicht der Anziehung zur schweren Sünde widerstehen.“

Und diese Begierlichkeit ist vererbbar – wie auch die Alkoholkrankheit sich in der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind übertragen kann (auch für andere Süchte ist ein solcher Einfluss nachgewiesen). Das bedeutet nicht, dass unsere Kinder selbst schon Trinker sind – aber sie haben den Hang dazu. Selbst der kleinste Schluck (Alkohol) genügt.

Nebenbemerkung: Erbsünde als strukturelle Sünde

Offensichtlich fällt es einigen Theologen schwer, im Verlust der Gottesbeziehung einen ausreichenden Grund für das Chaos im Menschen zu sehen. Der Versuch, die erbsündliche Verfasstheit des Menschen aus dem übernatürlichen Kontext herauszulösen, hat zu der (zumindest in den 80er Jahren verbreiteten) These geführt, die Erbsünde sei die Verstrickung des Menschen in eine mit sündhaften Strukturen durchsetzte Welt.

Wenn ich z. B. Bananen kaufe, dann versündige ich mich, weil die Bananenpolitik der EG die Bananenbauern der 3. Welt verarmen lässt. Wenn ich deshalb die Bananen nicht kaufe, schade ich damit den EG-Bauern… Seitdem die Sünde in die Welt Einzug gehalten hat, könne sich keiner mehr dieser Verstrickung in die Struktursünden entziehen.

Angesichts einer solchen Theologie fragt man sich nun aber, wieso dann das Sakrament der Taufe eine Tilgung der Erbsünde beinhalten soll. Ist denn die Banane, die ein Getaufter kauft, nicht mehr mit der Sünde der Welt verknüpft? Wohl kaum. Mit diesem Versuch wird die Taufe vielmehr zu einer Absichtserklärung, die aber keine wesenhafte Veränderung am Menschen mehr bewirkt.

Wir brauchen also die aktive Hilfe Gottes – Seine göttliche Intervention. Dafür hat die Theologie einen einfachen Begriff geprägt: Die Gnade. Das, was Gott tut (zusätzlich zu den menschlichen Zeichen und Vorbereitungen), ist sein gnadenhaftes Wirken. Dazu mehr im 3. Teil der „Hinführung zur Tauftheologie“.

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Schlagwörter: , Last modified: 6. September 2020