Der Papst und die Pille

Das Wichtigste zuerst: Der Papst hat die Pille nicht verboten. Soviel Macht hat der Papst gar nicht, etwas einfach zu verbieten. Es ist schon richtig: Als in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts die künstliche Empfängnisverhütung durch die Pille plötzlich für Jedermann (bzw. Jederfrau) zu haben war, gab es Stimmen in der Kirche, die das für unbedenklich hielten. Einige meinten sogar, es handle sich dabei um das gute Recht der Eltern, durch dieses neue Medikament die Zahl und den Zeitpunkt ihres Nachwuchses selbst und frei zu bestimmen. Papst Paul VI. musste nun Stellung beziehen, und er hat es auf eine Weise getan, die Einigen nicht behagte. Aber es wäre falsch zu sagen, der Papst habe aus eigenem Gutdünken heraus etwas verboten.

Die Kirche „verbietet“ ja auch nicht das Lügen oder das Stehlen. Sie kommt nur ihrer Pflicht nach und sagt, was Gut und was Böse ist. In der Enzyklika „Humanae Vitae“ hat der Papst hat vielmehr festgestellt (und gut begründet), warum die künstliche Empfängnisregelung nicht gut ist. (Es handelt sich also nicht um ein Verbot, sondern um eine Qualifizierung – durch unseren Glauben.)

»Der Papst soll die Pille wieder erlauben!«

Deshalb ist auch die Forderung albern, das „Verbot“ der Pille oder der Kondome müsse zurückgenommen werden. Auch die Begründung »das könne heute keiner mehr verstehen« ändert nichts daran. Die Kirche oder der Papst kann nicht einfach sagen, dass ab jetzt „gut“ ist, was vorher „schlecht“ war. Was gut und was schlecht ist, hängt eben nicht davon ab, wie leicht oder wie schwer es den Menschen fällt, sich daran zu halten. Im Gegenteil: Wir Christen wissen, dass es oft sehr schwer ist, sich an das Gute zu halten.

»Die Kirche verteufelt alle Menschen, die sich nicht daran halten… «

Die Kirche verteufelt niemanden. Sie spricht zwar zahlreiche Menschen heilig – aber kein einziger wurde bisher „verdammt“. Auch Judas nicht, der im allgemeinen als Inbegriff des Sünders gilt. Das liegt vermutlich daran, dass seit dem unrühmlichen Verhalten des Petrus („Siehe, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst Du mich dreimal verleugnet haben!“) alle Christen wissen, dass sie auch nicht besser sind – das weiß auch vor allem der Papst, der Nachfolger des sündigen Petrus.

Die Kirche verurteilt nicht die Menschen, die sich nicht an die Gebote halten. Sie stempelt nicht die ab, die dem, was die Kirche als gut ansieht, nicht sofort und in vollem Umfang nachkommen können. Wer lügt oder stiehlt oder andere Gebote nicht hält, wird ja auch nicht sofort verurteilt – immerhin ist die Kirche eine Vorreiterin der Vergebung. Das gilt auch für die anderen Hinweise, die die Kirche in Bezug auf Gut und Böse gibt. So sagte es ja auch Rocco Buttiglione: »Ich halte (praktizierte) Homosexualität für eine Sünde – aber wir alle sind Sünder, ich auch.« Die Kirche hält dafür zahlreiche Formen der Sündenvergebung bereit, allem voran die streng geheime Beichte – das deutlichste Zeichen, dass es der Kirche um Versöhnung, und nicht um Macht geht.

Allerdings kann sie es nicht akzeptieren, dass jemand Lügen oder Stehlen als „Privatsache“ oder „Gewissensfrage“ der moralischen Bewertung grundsätzlich entzieht. Das gilt auch für die künstliche Verhütung oder die Abtreibung.

Verhütung reduziert den Sinn

Wir denken dafür leider noch zu technisch – und meinen, es sei nur eine Art biologischer Schalter, den wir umlegen, wenn wir verhüten; angeblich bliebe doch das sexuelle Erleben davon unberührt. Einmal abgesehen davon, dass das schon allein hormonell nicht ganz korrekt ist (je nach Verhütungsmethode) – Sexualität ist eben nicht nur eine Technik. Und der angebliche Schalter, der umgelegt wird (von »fruchtbar« auf »unfruchtbar“), hat eine enorme inhaltliche Bedeutung. Und das, was die Sexualität erfüllt, ist doch gerade der Inhalt!

Tatsächlich glauben wir, dass die Sexualität eine ganz andere Tiefe bekommt, wenn sie offen bleibt für die Mitwirkung an der Erschaffung von neuem menschlichen Leben. Natürlich wirkt sich die unverhinderte Fruchtbarkeit nicht technisch auf die sexuelle Lust aus. Aber sie gibt allem, was sich die Eheleute aus Liebe gegenseitig schenken, einen tieferen Sinn: Aus geschenkter Liebe wird neues Leben! Letztlich ist es eben dieser Sinn, der die Erfüllung der Sprache und der Sexualität bewirkt.
Aber ich gebe zu – das ist kein Argument. Sondern eine Erfahrung. Sinn, Schönheit und Erfüllung lassen sich eben nicht argumentativ darlegen. Wer sich aber auf das Zusammenwirken von menschlicher und göttlicher Liebe einlässt und die Einheit von körperlicher und spiritueller Ekstase erfahren möchte, kommt ohne die Frage nach diesem Sinn nicht weit.

Und warum ist die Kirche jetzt gegen die künstliche Empfängnisverhütung?

Wer einmal mit Menschen gesprochen hat, die gerne Kinder in ihrer Ehe haben möchten, aber aus verschiedenen Gründen dazu nicht in der Lage sind, weiß, dass die Fruchtbarkeit ein so hohes Gut ist – ein Geschenk –, dass die Unfruchtbarkeit zu einer kaum zu bewältigenden Belastung einer Ehe werden kann. Die Kirche sagt nun, dass ein solch hoher Wert nicht mit medizinischen, chemischen oder mechanischen Mitteln wie eine »Krankheit« bekämpft werden darf; so geht man nicht mit einem Geschenk um.
Aber die Kirche verbietet nicht Sex in unfruchtbaren Zeiten, selbst, wenn die Unfruchtbarkeit (z. B. als Nebenwirkung) durch die Einnahme von Medikamenten herbeigeführt wurde. Vielmehr ermahnt die Kirche die Eltern, die Zahl ihrer Kinder und den Zeitpunkt der Schwangerschaften verantwortungsvoll selbst zu bestimmen und empfiehlt dabei alle Methoden, die die Fruchtbarkeit von Mann und Frau nicht wie eine Krankheit ausschalten.

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Schlagwörter: , , Last modified: 6. Mai 2020