Genausowenig, wie ich die Gesamtheit der menschlichen Wahrnehmung in wenigen Sätzen beschreiben kann, genausowenig kann ich die gesamte Wahrnehmung der tieferen Sinnebene durch einen Verliebten oder Glaubenden (beide haben in dieser Hinsicht große Ähnlichkeit) hier auflisten. Beide haben gemeinsam, dass sie in der Wirklichkeit Staunenswertes sehen (der Liebende genauso wie der Glaubende). Hier nur ein paar Beispiele, worüber ein Mensch staunen – und zu Gott finden kann.

Wunder

Immer wieder betonen Naturwissenschaftler, dass Wunder entweder doch natürlich erklärbar sind oder es sich um eben sehr unwahrscheinliche, aber letztlich nicht unmögliche Ereignisse handelt.

Für einen religiösen Menschen ist das sekundär; es geht nicht um die Frage nach der Verletzung einer naturgesetzlichen Oberfläche, sondern um die Botschaft: Ein Mensch war schwerkrank und jetzt ist er wieder gesund – Gebete wurden erhört und das Vertrauen in Gott nicht enttäuscht. Ein Sturm lässt ausgerechnet in dem Augenblick nach, in dem jemand sein Vertrauen auf Gott setzt; das Telefon klingelt und eine erlösende Nachricht wird verkündet, als ich gerade meinen Glauben aufgeben wollte; es fällt unwahrscheinlicherweise Schnee, als ich um ein Zeichen gebeten habe – und so weiter.

Natürlich sind das oft keine nachweisbaren Übernatürlichkeiten – obwohl es unzählige Ereignisse gibt, für die sich bislang keine plausible Erklärung findet. Aber ganz ohne einem Überraschungseffekt werden wir wohl kaum von Wundern sprechen.

Fügungen

Aber selbst, wenn alle Elemente vollkommen in der naturgesetzlichen Ordnung bleiben, ergeben sich Momente, die einen unverkennbaren Sinngehalt haben. Wir sprechen in diesem Fall von Fügung oder Vorsehung (lat. providentia).

Das setzt zwar voraus, dass die naturgesetzliche Ordnung offen ist für eine Einsteuerung (z. B. durch den menschlichen Geist oder durch Gott); dass diese Sinn mitteilende Instanz aber nicht selbst Teil der naturgesetzlichen Ordnung ist.

Die Naturwissenschaft hat diese Offenheit inzwischen erkannt und beschrieben – durch die Quantenphysik. Allerdings kann die Naturwissenschaft nicht erkennen, ob diese Offenheit durch eine nicht-materielle Instanz genutzt wird.

Meist erkennen wir Fügungen durch sogenannte »Koinzidenzien«, also für uns sinnhaftes Zusammentreffen von offenbar unabhängigen Ereignissen: Gerade denke ich zum ersten Mal seit langem an meinen alten Schulfreund, da klingelt das Telefon und er meldet sich. Oder: Ich habe das Gefühl, dringend jemanden kontaktieren zu müssen. Kaum melde ich mich, erfahre ich, dass er ausgerechnet jetzt meine Hilfe braucht. Oder: Ich fahre zu einem bekannten Wallfahrtsort, ausgerechnet dort beginnen die Medikamente, die ich schon seit langem nehme, zu wirken und meine Krankheit verschwindet. Oder ich spiele mit dem Gedanken, meine Gitarre abzugeben, da meldet sich mein Nachbar und fragt, ob ich nicht eine gebrauchte Gitarre als Weihnachtsgeschenk für dessen Tochter habe.

Nichts davon ist naturwissenschaftlich auffällig – weder als Wunder noch als etwas extrem Unwahrscheinliches. Keine naturwissenschaftliche Überlegung bringt uns dazu, an eine Fügung zu glauben. Es ist der offensichtliche Sinn, der in den Ereignissen liegt. Bedeutungsvolle Ereignisse, die uns manchmal dermaßen hartnäckig verfolgen, dass sogar hartgesottene Materialisten beinahe den Verstand verlieren, anstatt an eine Sinnstiftung zu glauben.

Gebet und Gebetserhörungen

Ebenso erlebt der betende Mensch Antworten im Gebet, die Gott (oder die Heiligen oder ein Schutzengel) gewährt. Nicht nur Gedanken, die sich scheinbar zufällig in meinem Kopf tummeln, lassen plötzlich eine Bedeutung erahnen; ebenso können dies Ereignisse, Bibelstellen oder Worte, die mir von Menschen eigentlich in anderer Absicht geschenkt werden.

Wenn wir Fügungen – also die Einsteuerung von Sinn in diese Welt – akzeptieren, dann ist der Schritt nicht schwer, darin eine Möglichkeit zu sehen, mit der Quelle dieser Botschaften zu kommunizieren. Möge es Gott sein, Engel, Heilige (oder, für Nichtchristen: das Schicksal, die »mit-mir-seiende Macht« oder die Midichlorianer): Die Mitteilung von Sinn mittels der materiellen Welt hat immer eine Antwort zum Ziel; Wunder und Fügungen haben eine Botschaft für den, der sie als solche wahrnimmt, die Beziehung herstellen möchte.

Kritik

Nun kann jemand, der Rettung im letzten Augenblick als das Eingreifen einer höheren Macht deutet, falsch liegen. Ebenso der, der die Geburt eine Kindes als Widerlegung des Materialismus erlebt; oder der, der nach einem Gebet mit einer (scheinbaren) Gebetserhörung konfrontiert wird. Wir können uns weigern, die Welt weiter auf ihren Sinn und ihre Botschaft zu befragen. Wir können uns einreden, es gebe zwar einen menschlichen Geist hinter dem Verhalten der menschlichen Körper, aber keinen göttlichen Geist hinter den Ereignissen dieser Welt.

Grundsätzliche Kritik (Nicht sehr sinnvoll)

Kritiker, die zwar die Interpretationsfreude des Menschen nicht leugnen, darin aber keinen Erweis einer tiefere Sinnebene erkennen wollen, führen oft an …

… dass es sich bei der menschlichen Interpretation der Wirklichkeit lediglich um einen von der Evolution hervorgebrachten Mechanismus handelt, der uns letztlich schützt. Wir hören Geräusche und deuten sie entweder als Gefahr (»Vorsicht, Raubtier im Gebüsch!«), wir sehen Gesten unserer Artgenossen und deuten sie als Hilferuf (»Ich bin verletzt! Hilfe!«), wir nehmen einen besonderen Geruch wahr und wissen, dass Mama uns gerade unsere Lieblingssuppe kocht (»Hurra! Erbsensuppe!«) – und so weiter. Und, so vermuten die Evolutionstheoretiker: Weil wir uns ständig schützen, aufeinander achten und Hunger haben, interpretieren wir einfach in alles, was wir wahrnehmen, diese urmenschlichen Botschaften hinein.

Das klingt einleuchtend, ist es aber nicht. Denn uns unterscheidet von den vormenschlichen Kommunikationssystemen unserer tierischen Vorfahren nicht nur die Komplexität der Kommunikation und der Sprache, sondern die Frage nach der Absicht dessen, was wir vermitteln. Wir nehmen nicht nur die Suppe wahr, die für uns gekocht wird, sondern freuen uns über die Bedeutung, die diese Suppe hat: Dass ich an meinem Geburtstag mein Lieblingsessen serviert bekomme (oder evtl. auch nicht). – Wir hören nicht nur Hilferufe anderer, sondern deuten dies als »Wichtigtuerei« oder Gelegenheit, uns als barmherzige Samariter zu profilieren. – Wir nehmen nicht nur die Gefahr im Gebüsch wahr, sondern überlegen auch, ob wir eventuell für unsere noch schlafende Frau bereit sind, unser Leben zu riskieren … und so weiter.

Oder sie behaupten, dass wir bei der angeblichen Interpretation von Wirklichkeit nur optischen Täuschungen erliegen. Unsere Wahrnehmung interpretiert nämlich schon die Wirklichkeit, bevor sie unserem Bewusstsein zugänglich gemacht wird. Auf einigen Bildern scheinen Farbenpunkte sich zu bewegen, auf anderen sind die Größenverhältnisse auf den Kopf gestellt, auf wieder anderen wirken gerade Linien krumm. Die Schaltung unserer Neuronen interpretiert die Wirklichkeit – einen Sinn hat das Ganze nicht.

Das klingt wenig einleuchtend. Selbstverständlich gibt es optische Täuschungen – das wissen wir, weil wir diese durchschauen können. Menschen, die zwar in ihren Proportionen verzerrt wirken, bleiben für uns aber immer noch Menschen, die wir lieben oder mögen. Die Sinn-Ebene wird von diesen Dingen nicht berührt.

Schließlich leugnen Kritiker schlicht und einfach jede tiefere Bedeutung der Wirklichkeit: Weil es keinen Gott gebe und alles einfach so sei, wie es nunmal ist. (Das ist übrigens die einfachste Gegenposition, und alles Einfache ist immer auch irgendwie einleuchtend.)

Aber das ist mehr als inkonsequent. Wenn wir der Versuchung nachgeben, in dem, was mir mein Nachbar sagt, einen gewollten geistigen Inhalt zu erkennen (etwa dergestalt, dass er mich zu einem Grillfest einlädt), mit welcher Begründung will ich dann dem, was in meinem Leben geschieht, jeden weiteren Inhalt absprechen? Konsequent wäre es, entweder JEDEN Geist zu leugnen (die Welt ist nichts als funktionierende Materie, es gibt weder Sinn noch Geist noch Botschaft) und somit auch keine Einladungen zu Grillfesten und Freibier mehr zu erkennen – oder die Wirklichkeit bis auf ihren Grund angemessen zu interpretieren.

Berechtigte Kritik (Wichtig!)

Interpretation von Wirklichkeit ist aber nichts Willkürliches oder Unlogisches (das wird auch jeder Deutschlehrer bestätigten: Eine Interpretationsleistung kann man sogar benoten!); weshalb wir selbstverständlich berechtigte Kritik an unseren Interpretationen nicht nur zulassen müssen – sondern dazu verpflichtet sind, diese Kritik zu bedenken.
Berechtigte Kritik kann nur der üben, der zwar grundsätzlich die Interpretation der Wirklichkeit nachvollziehen kann, der aber in diesem oder jenem Fall die Sinnhaftigkeit bestreitet oder korrigieren will. Entweder …

  • … weil er begrenzt die Zufälligkeit eines Ereignisses ausschließen kann (wie zum Beispiel bei einer Maschine). Die Reaktion eines Menschen ist nicht berechenbar und vorherbestimmt und grundsätzlich offen für Sinn; wenn aber eine Lampe zu leuchten beginnt, nachdem ich den Lichtschalter betätigt habe, dürfte diesem keine weitere Bedeutung zugemessen werden. (Auch wenn Catweazle darin den magischen »Elektrik-Trick« gesehen hat.)

Natürlich gilt es hier, genau zu unterscheiden. Dass ein Auto zum Beispiel fährt und Menschen von A nach B bringt, braucht nicht unbedingt als göttliches Gnadengeschenk betrachtet zu werden. Anders sieht es aus, wenn dieses Auto im letzten Moment anspringt, obwohl es das schon seit Stunden verweigerte – und das noch dazu auf den Bahnschienen angesichts eines herannahenden Zuges.

  • …oder, weil der vermutete Sinn dem Wesen des Urhebers widerspricht (wenn z. B. ein Ereignis als Gottes Aufforderung zum Massenmord gedeutet wird – oder die AIDS-Krankheit als Strafe Gottes). Diesen Interpretationsrahmen kennen wir auch von der Deutung menschlicher Regungen: Weil wir jemanden kennen, schließen wir bestimmte Deutungen seiner Mimik, seiner Worte oder seines Verhaltens aus – und andere liegen besonders nahe. Je besser wir jemanden kennen, umso geringer wird die Gefahr von Missdeutungen und Missverständnissen.
  • …oder, weil die Interpretation offensichtlich an den Haaren herbeigezogen ist. Denn es gibt durchaus eine Objektivität und prüfbare Angemessenheit von Interpretationen. Wer zum Beispiel einen verpassten Bus als Hinweis auf den bevorstehenden Weltuntergang deutet, verlässt jede Interpretationslogik. Sinn und Sprache ist nicht denkbar ohne einen nachvollziehbaren Rahmen, in dem z. B. Symbole definiert werden. Wer außerhalb jeder Sinn-Symbol-Zuordnung »wild drauf los« interpretiert, macht sich lächerlich.

Fazit

Was haben wir durch diese Beschreibung der Wirklichkeit erreicht? Nun, wir haben Gott weder bewiesen noch mögliche Hinweise auf Gottes Existenz in den Rang von Beweisen erhoben. Im Gegenteil: Wir haben nur auf Phänomene hingewiesen, die sowieso schon bekannt waren.
Aber: Wenn wir »Beweise« als Folgerungen innerhalb einer Ebene definieren und »Interpretationen« als Folgerungen auf tierferliegenden Ebenen, dann ist die Erkenntnis, dass wir Gottes Mitteilungen nicht beweisen können, nicht mehr dramatisch. Selbstverständlich können wir – naturwissenschaftlich – weder die Existenz Gottes, der Seele, der Liebe oder einer anderen geistigen Wirklichkeit beweisen, sondern immer nur durch Interpretation erschließen. Die eigentliche, wesentliche und für uns Menschen entscheidende Realität lässt sich überhaupt nicht beweisen, sondern nur durch Interpretation der Wirklichkeit erkennen. Wer das nicht wahrhaben will, hat einen mehr als eingeschränkten Begriff von Wirklichkeit.

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