Über die Kirchen in Villanders (Südtirol)gibt es einen prächtigen Bildband aus Anlass der Weihe der Kirche St. Stephan vor 500 Jahren. Darin findet sich selbstverständlich auch ein Abschnitt über die Pfarrgeschichte und da bemerkenswerte Erinnerung.
Wiedergegeben wird der Inhalt eines Protokolls einer bischöflichen Visitation im Jahr 1579. Eine bischöfliche Visitation war seinerzeit im Unterschied zu heute eine ernsthafte Angelegenheit. Damals galt es, die Beschlüsse des Konzils von Trient umzusetzen. Deswegen wurde in einer Visitation der Pfarrer ausführlich über die Häufigkeit des Sakramentenempfangsbefragt (seine eigene und die der Pfarrkinder); sein Wissen über die Lehre der Kirche wurde überprüft, und eine Inspektion der Kirche (Tabernakel, Heiligenfiguren, Zustand der Gewänder usw.) gehörte dazu.
Heute könnte eine Visitation darin bestehen, zu fragen, ob einer weiß, dass es ein 2. Vatikanisches Konzil gegeben hat, und was dieses Konzil überhaupt wollte und was der derzeitige Papst dazu sagt, aber das unterlassen die Bischöfe und Weihbischöfe am besten. Wichtiger ist es, die verschiedenen Gremien und Gruppen zu ermutigen, irgendwie weiterzumachen, auch wenn es nicht leicht ist.
Zurück zum Protokoll von 1579 in Villanders: Damals wurden die kleinen Kinder in den Wintermonaten in den Häusern getauft, in den Sommermonaten in der Pfarrkirche (wer versucht, sich die Wegeverhältnisse in damaliger Zeit und in den Bergen vorzustellen, kann das nachnachvollziehen!). Auch zwei Geburtshelferinnen gab es, die die Nottaufe spendeten.
Ein solches Kind wurde nun, wenn es möglich war, eines Tages in die Pfarrkirche gebracht, und da stand der Pfarrer häufig vor der Frage: Ist nun das Kind wirklich getauft oder nicht? – Und so wendete er – laut Visitationsprotokoll – folgende Formel an: „Si es baptizatus, egote non baptizo in nomine patris et filii et spiritussancti amen.“ Übersetzt: „Wenn du (schon) getauft bist, taufe ich dich (jetzt) NICHT im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen.“ (Hervorhebung von mir)
Also: keine wirkliche Taufe, sondern eine Taufe „als ob“. Die gewohnten Worte werden verwendet, doch ein Wort kommt hinzu, dass alles andere zurücknimmt: das Wort „non“.
…ist es heute nicht ähnlich?
Darüber mag man schmunzeln oder sich empören oder die Nase rümpfen oder was auch immer – doch: Ist es heute nicht manchmal ähnlich?
- Gläubige kommen am Sonntag in die Kirche und erleben (fast) alles genauso wie in einer Eucharistiefeier: Da steht jemand hinter dem Altar im liturgischen Gewand, spricht Abschnitte (wie) aus dem Hochgebet, die heilige Kommunion wird ausgeteilt, doch es wird gesagt: Es ist KEINE heilige Messe.Aber es ist (für einen Verstorbenen) doch ein „Seelenamt als Wortgottesdienst mit Kommunionfeier“. Eine Messfeier „als ob“, und die Verwirrung ist komplett.
- Nicht zum Priester geweihte Seelsorger salben mit dem Chrisamöl Kranke und sagen zur Sicherheit vorher: Das ist KEINE Krankensalbung! Doch die Anwesenden sehen: Da ist ein Kranker, da findet eine Salbung statt: also eine Krankensalbung – „als ob“.
- Da kommt ein Brautpaar in eine profanierte Kirche, da spricht eine „Ritualdesignerin“ (oder schon mal auch ein Seelsorger, der sich dafür gutbezahlen lässt), man nennt das heute „freie Trauung“ – also eine Eheschließung „als ob“.
Nun könnte man denken: Das ist ein rein kirchliches Problem, das sollen „die da oben“ mal lösen. – Von wegen! Auch in der Politik erleben wir ein Diskutieren und ein Regieren „als ob“. Oder wie soll man das nennen, wenn ständig Ankündigungen kommen: Jetzt muss sich was tun! Die Zeit ist überfällig! Wir können nicht länger warten! – Doch was folgt dann? Da ist die Karawane schon weitergezogen. Hauptsache, man kann mit Fingern auf andere zeigen (Trump, AfD, Klimaleugner …).
Wenn unser Leben ein «als ob» wird…
Merken wir eigentlich noch, dass unser Leben mehr und mehr ein Leben „als ob“ wird? Texte werden von der KI generiert, als ob ein Mensch sie geschrieben hätte. Der Ministerpräsident von Thüringen, auf ein solches Schriftstück angesprochen, das er jüngst veröffentlicht hat, als ob er es selbst geschrieben hätte, reagiert verwundert, so als ob er sich gar nicht vorstellen kann, etwas Unrechtes getan zu haben.
- Jung und Alt glotzen auf ein kleines Display und fühlen sich, als ob sie in einer wunderbaren Welt wären.
- Konsumenten geben ihr Geld aus, als ob sie unendlich viel davon hätten, weil sie glauben, was alle kaufen, sei doch ganz toll, und außerdem sind die Raten so günstig, als ob es fast umsonst wäre.
- Elon Musk tritt auf, als ob er jetzt schon das Weltall erobert hätte, und Menschen jubeln ihm zu und kaufen seine Aktien, als ob es die letzte Gelegenheit wäre.
Ganz schön viel „als ob“, oder? Vielleicht solltest du, der du das Ganze bis hierher gelesen hast, das alles hinter dich lassen, dich dem normalen Leben zuwenden und so tun, als ob du von dem ganzen „als-ob“-Kram nichts mitbekommen hättest!
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