Was die Kirche wirklich braucht: mehr Rokoko!

Auf meiner Urlaubsfahrt, die mich ins malerische Oberfranken geführt hat, kam mir die Einsicht. Zur Erläuterung: Oberfranken ist nicht einfach irgendeine Region. Oberfranken ist ein Erlebnis. Oberfranken hat die höchste Brauereidichte Deutschlands. Wenn jemand sich schlecht fühlt und vom Arzt die Diagnose bekommen hat: Unterhopfung – dann ist er hier richtig.
Und Oberfranken hat – das sagt ja schon alles – den „Gottesgarten am Obermain“. Wer da unterwegs ist, spürt, dass der liebe Gott es gut mit uns Menschen gemeint hat.

Und Oberfranken hat Vierzehnheiligen. Das ist aber – wie meistens im Leben – nicht die ganze Wahrheit. Es gibt nämlich in der Nähe noch den Staffelberg mit seiner Adelgundiskapelle. Und da sind 15 Nothelfer. Wer also, wie ich, eine kleine Wanderung unternimmt und zuerst den Staffelberg besteigt (ist mit mäßiger Kondition gut möglich), die Adelgundiskapelle besucht und dann beschwingt den Wallfahrtort Vierzehnheiligen ansteuert, hat am Ende 29 Nothelfer (und -helferinnen) auf seiner Seite.

Und da bin ich zur Einsicht gekommen. Denn wie die meisten von uns war ich ganz beklommen von Ratlosigkeit und Ernüchterung. Wie geht es mit der Kirche weiter? Was müssen wir jetzt noch alles tun, damit die Menschen uns toll finden? Ist Jesus nicht vielleicht doch viel geschmeidiger, als wir geglaubt haben?

Rokoko ist leicht.
Und geschlechtergerecht.

Mit diesen quälenden Fragen und Problemen im Bauch betrete ich also die Basilika Vierzehnheiligen – und da ist die Antwort: Die Kirche braucht nicht noch mehr Beratungen, wo übernächtigte Vertreter*innen von Gremien und Verbänden fair gehandelten Kaffee schlürfen und bröseliges Feingebäck verzehren und Papier produzieren, das am Ende keiner liest. Die Kirche braucht auch nicht mehr Stellungnahmen und Analysen und Betroffenheitsbekundungen angesichts von Austrittszahlen und drohendem Finanzkollaps. Die Kirche braucht auch nicht neue Konzepte, um Menschen einzufangen, die einfach frei sein wollen.

Die Kirche braucht: mehr Rokoko!

Denn Rokoko macht glaubensfroh. Rokoko ist leicht. Rokoko ist licht und heiter. Rokoko, das bringt uns weiter.

Die Basilika ist eigentlich Ergebnis eines Scheiterns. Der Ort der Erscheinungen passte nicht mit dem Standort des Altars zusammen. Was tun? Balthasar Neumann (guter Architekt, aber teuer) brachte die Lösung: der Erscheinungsaltar steht einfach in der Mitte, da, wo wirklich das Jesuskind erschienen ist. Und schick muss er auch sein. Also mit schwungvollen Pfeilern und viel Zierrat, wie eine überdimensionale Prunkkutsche, auf der die vierzehn Heiligen angefahren kommen.

Rokoko bedeutet also: Halt dich nicht an alten Plänen fest, die nichts mehr nutzen. Sei erfinderisch und wage etwas anderes. Mach es aber ordentlich.

Und Rokoko ist leicht. Und geschlechtergerecht. Also fast: Immerhin sind drei Nothelferinnen da. Aber die kommen schwungvoll daher. Neubewertung der Sexualität? Rokoko bringt’s: pralle Lippen, halboffene Münder, bewegte Lenden. Auch schon mal ein abgehackter Kopf (St. Dionysius), aber der Rest sieht auch noch richtig gut aus. Rokoko macht aus allem was. Und all die schönen Putten: so passt Nacktheit auch in die ach so prüde Kirche. Rokoko ist nicht prüde. Rokoko ist lebensfroh. So wie der Glaube eben.

Schade, dass Mundschutz getragen werden muss. Früher sah man die offenen Münder derer, die staunten. Rokoko bringt Menschen zum Staunen. So wie es im Glauben sein soll.

Wie gesagt: Am Ende dieses Besuches ist vieles klarer. Aber kann es wirklich sein, dass man schon vor über 200 Jahren wusste, was wir heute brauchen? Wir können nur eins sagen: Gebt uns mehr Rokoko! Benedicamus Domino!

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Schlagwörter: , Last modified: 28. Juni 2020