Es ist klar, dass die Haltung zu den Corona-Maßnahmen, die Einschätzung der Impfstoffe und die Strategie der Regierung, uns zur Impfung zu bewegen, nicht heilsrelevant ist. Dass ich trotzdem diese Überschrift für meine Meinungsäußerung gewählt habe, ist dennoch keine Ironie. Viele Begegnungen mit glaubensstarken Katholiken wurden in letzter Zeit überschattet von diesen Fragen, so als wenn die Haltung zu Corona wichtiger wäre als die Einheit im Glauben.
Das mag daran liegen, dass nicht nur Regierungen und Medien, sondern auch Pfarrer und Gemeindemitglieder Corona über liturgisch angemessenes Verhalten gestellt haben. Das Aufbegehren gegen zahlreiche Verirrungen (Hostien in Papiertütchen oder auf Untertassen, selbstmitgebrachtes Brot zur Wandlung in der Kirchenbank, immer noch geschlossene Kirchen, die grundsätzliche Verweigerung der Mundkommunion – und manches mehr) führte bei nicht wenigen treuen Katholiken dazu, nicht nur die Fehlentwicklungen, sondern alle anderen Corona-Maßnahmen zu hinterfragen.
Nun, diese Meinungsäußerung (es ist keine Katechese, sondern meine persönliche Einschätzung!) möchte als Appell verstanden werden, die Einheit in wesentlichen Fragen nicht durch weltliche Meinungsverschiedenheiten aufs Spiel zu setzten.

Corona-Kritiker

Ich gebe zu, die Anfänge der Corona-Pandemie waren gut geeignet für spannende Diskussionen: Kaum jemand wusste ja Genaueres über dieses Virus. Da war es nicht verwerflich, auch Thesen zu vertreten (zum Beispiel, ob Corona nicht doch nur eine normale Grippe sei), und Maßnahmen der Regierung, Ansichten in den Medien und Verhalten von Kirchenoberen zu hinterfragen.

Inzwischen wissen wir mehr über das Virus, die Zahlen werden zunehmend valide, auch die Übertragungswege und mögliche Schutzmaßnahmen sind mittlerweile besser bekannt. Hinzugekommen sind nun aber auch Impfstoffe, die in einem verblüffenden Tempo entwickelt, zugelassen und angewendet wurden. Das mag manchem verdächtig erscheinen; dennoch sind überprüfbare Argumente gegen die Impfstoffe rar. Viele Einwohner unseres Landes sind mittlerweile der Diskussionen müde und fügen sich sowohl dem wissenschaftlichen, politischen, medialen und gesellschaftlichen Mainstream.

Nur ein paar wenige Gruppen unserer Gesellschaft verweigern sich diesem Konsens. Manche von ihnen sieht man auf Querdenker-Demonstrationen – und man wundert sich über die seltsamen Allianzen von Rechtspopulisten, linken Esoterikern, Rechtsradikalen und Aussteigern. Und – damit komme ich zum Grund für diesen Kommentar – : Auch überraschend viele derjenigen, die ich als besonders fromm und katholisch erlebt habe, verweigern sich zunehmend dem Mainstream. Und dem offenen Austausch darüber. Wie kommt das?

Gruppe A: Die unabhängigen Denker

Eine erste, naheliegende und gleichzeitig wohlwollende Erklärung ist, dass es bestimmte Gruppen unserer Gesellschaft gibt, die schon von jeher besonders meinungsstark waren – und sein müssen. Die gewohnt sind, sich unabhängige Informationen zu beschaffen und diese selbstständig denkend zu durchdringen und zu deuten. Dass dazu auch unsere unbeirrbaren katholischen Aufrechten gehören, ehrt uns.

Gruppe B: Die Charakterstarken

Vielleicht ist ein Grund für diese seltsame Allianz auch eine gewisse Charakterstärke. Spezielle, ausgesuchte Randgruppen der Gesellschaft haben oft schon früh erfahren müssen, dass sie und ihre Ansichten nicht gehört und bedacht, sondern verdreht und belächelt werden. Ein weit verbreiteter anti-katholischer Affekt lässt nicht wenige der treuen Katholiken allen Medien gegenüber misstrauisch werden.

Vielleicht wendet jetzt der eine oder andere Medienschaffende ein, das Misstrauen gegenüber den Medien sei unberechtigt. Nun – es gilt sicherlich nicht unterschiedslos allen Medienvertretern. Aber ich stehe selbst für die Einschätzung gerade, dass die Medienlandschaft insgesamt eher zur „sprungbereiten Feindseligkeit“ der Kirche gegenüber neigt, als zu einer sachlichen Berichterstattung.

Nun ist die Erkenntnis, dass man medial, politisch und gesellschaftlich ausgegrenzt wird, für uns Christen nichts Neues. Und auch zu anderen Zeiten fand man sich in diesem Zustand des Randgruppen-Daseins wieder. Viele erwarten (auch deshalb) von vielen Medien auch nichts anderes mehr – und sind dann auch dort kritisch ablehnend, wo es vielleicht nicht angebracht wäre.

Von der Gruppe A unterscheiden sich diese Gruppe, weil sie nicht zuallererst aus geistiger Redlichkeit bei ihrer Kritik bleibt, sondern aus einer persönlichen Charakterstärke.

Gruppe C: Stolz und Eitelkeit

Außerdem gibt es Menschen, die aus wirklicher Überzeugung in der Anfangsphase eine Position einnehmen («Harry Potter ist der Antichrist!» – noch vor Erscheinen der letzten Bände). Wenn später, nachdem genügend Fakten bekannt geworden sind, die Unhaltbarkeit ihrer Position offensichtlich wird, mögen diese Menschen ihre Anfangsposition aus Stolz und Eitelkeit nicht aufgeben. (Stolz und Eitelkeit sind in diesem Zusammenhang durchaus Charakterschwächen.)

Gruppe D: Widerspruch als Bestätigung

Wer aufgrund seiner wahren katholischen Überzeugung im Kontrast zum Mainstream steht, kommt irgendwann auf den Gedanken, «Kontrast zum Mainstream» sei ein Kriterium für die katholische Wahrheit.

Viele Katholiken haben aus guten Gründen eine Überzeugung (und ich finde, eine göttliche Offenbarung ist durchaus ein ernstzunehmender Grund), für die sie dennoch angefeindet werden. Aber wenn allein schon die Anfeindung durch den Mainstream als Grund für die Wahrheit der eigenen Position angeführt wird, verlieren wir unseren Wahrheitsanspruch. Wir werden zu jemanden, der Widerspruch braucht, weil er sich sonst nicht im Recht fühlt.

Dabei ist es letztlich egal, ob es sich um Harry Potter, Greta Thunberg, Fridays for Future, Corona oder die Klimakatastrophe handelt. Wenn das alle für richtig und gut halten, kann es nur falsch sein.

Letztlich ist eine solche Auffassung nicht mehr katholisch, sondern eine Häresie. Nicht, weil der Widerspruch zur Gesellschaft zum Offenbarungskriterium erhoben wird (deshalb auch), sondern weil man einer nicht-christlichen Gesellschaft jede Erkenntnis aberkennt. Das widerspricht unserem christlichen Glauben an eine gute Schöpfung.

Ich mache mir Sorgen

Im Grund schreibe ich das hier, weil ich alle aufrichtigen Katholiken davor bewahren möchte, in den Dunstkreis der Gruppe D zu geraten, die gefährlich nah an einer unkatholischen Weltsicht heranreicht. Auch Gruppe C ist schon bedenklich, vor allem aufgrund der zwar menschlichen, aber dennoch wenig tugendhaften Trotzreaktion.

  • Wer aufgrund der allseits bekannten Fakten zu anderen politischen Schlüssen als die vorherrschende Regierung kommt, nimmt sein gutes Recht zum selbständigen Denken wahr.
  • Wer glaubt, er sei aus christlicher Überzeugung dazu verpflichtet, eine andere Position als der Mainstream einnehmen zu müssen, ist dagegen eher unkritisch und nicht sonderlich katholisch.
  • Wer zwar die vorherrschende politische Meinung nachvollziehen kann, aber die Fakten, Zahlen und wissenschaftlichen Grundlagen als gezielt manipuliert ansieht, braucht gute Argumente. Kritisch sein allein ist noch keine Tugend.
  • Wer neben den anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen auch offen ist für andere Berichte, Forschungen, Studien und Zahlen, ist im grünen Bereich – vorausgesetzt, er überlässt das abschließende Urteil den Experten.
  • Wer glaubt, ein Experte sei jemand, der einen Doktortitel hat, einen eigene Youtube-Kanal und Freunde, die ihn mit «Dr.» anreden, ist zwar nicht automatisch auf ein Mitglied der Gruppe D. Aber er ist auf dem besten Wege dorthin.
  • Wir Katholiken (und auch wir Theologen) brauchen immer wieder die Demut, auch unliebsame Erkenntnisse aus anderen Wissensbereichen zu ertragen. Hinterfragen ist dabei immer gut; Zuhören und Verstehenwollen sicherlich eine Tugend.
  • Widersprechen sollten wir allerdings nur, wenn wir entweder selbst Experten auf diesem oder jenem Gebiet sind; oder wenn aus fremden Wissens-Gebieten falsche theologische Thesen entstehen. Und natürlich, wenn moralische Grundsätze angegriffen werden (zum Beispiel im Lebensrecht).

Gruppe E: Der Drahtzieher hinter allem

Es ist immer gut zu wissen, wer hinter allem steckt. Nun, in dieser Hinsicht können wir ein klares Urteil fällen, ohne Verschwörungstheoretiker zu sein: Wer hat ein Interesse daran, die relativ geschlossen betende und agierende katholische Kerngemeinde zu spalten und mit nebensächlichen Themen so gegeneinander aufzubringen, dass man sich an die Kehle geht? Oder zumindest kein Wort mehr wechselt (weil man sich zuvor an die Kehle gegangen ist)? – Wer ist schon immer derjenige gewesen, der meisterlich Zwietracht, Uneinigkeit und Verwirrung stiftete? Wer ist in der Lage, ohne zentrale Schaltstelle an so vielen Orten gleichzeitig dieselbe Verwirrung zu stiften? Wer hat schon immer die alten Schwachstellen wie Zorn, Eitelkeit, Neid, Ehrsucht und Gier nach Aufmerksamkeit zu benutzen gewusst?

Brandbrief

Man nehme es mir nicht übel, wenn ich im folgenden Brief Worte und Formulierungen des Apostels Paulus verwende und mit aktuellen Bezügen mische. Ich maße mir nicht die theologische Urteilskraft eines Paulus von Tarsus an; aber ich denke, dass genau dieser Paulus schon Worte gefunden hat, die auch auf unsere Zeit anwendbar sind (wie wohl auch auf jede andere Zeit).

Liebe Schwestern und Brüder, die Ihr fest im katholischen Glauben verwurzelt seid: Haltet fest an der überlieferten Lehre und bleibt standhaft!
Fügt vor allem der katholischen Glaubenslehre nichts hinzu, wenn es nicht aus der Offenbarung Christi stammt! Weder Fragen des Klimas, der Seuchenbekämpfung oder des Umweltschutzes sind Bestandteil unseres Glaubens – und Harry Potter und Greta Thunberg abzulehnen ist kein Ausweis besonderer Glaubensstärke. Fügt unserem Glauben keine Haltung zu Corona, zur Impfung oder zu Fridays for Future hinzu – dazu hat uns Christus weder direkt noch indirekt etwas Verbindliches überliefert.
Seid einig in der Wahrheit und lasst Euch gegenseitig die Freiheit in den Meinungen zu den Dingen dieser Welt. Vor allem aber lasst in allem die Liebe walten! Meidet nicht Eure Brüder und Schwestern, sondern sucht die Übereinstimmung untereinander und mit der Kirche in Person des Heiligen Vaters.

Ich freue mich über Euren Missionseifer, mit dem Ihr Euch gegenseitig überzeugen und bekehren wollt; aus dem heraus Ihr facebook-Posts verfasst, Youtube-Video erstellt und Bücher schreibt. Doch widmet Euch darin vor allem der christlichen Botschaft der Erlösung durch das Kreuz! Lasst alles, was Euch spaltet!

Hütet Euch vor allem vor dem angeblichen Lichtbringer, dem Luzifer, dem Durcheinander-Werfer, den Diabolos. Er geht auch in diesen Tagen brüllend umher und sucht, wen er verschlingen kann. Seid standhaft und helft einander, standhaft zu bleiben! Sucht Euch in allem gegenseitig zu stärken – vor allem aber in der Liebe!

Gott segne Euch!

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Schlagwörter: , , Last modified: 26. Oktober 2021